Fragestellungen

Als grundlegender gesellschaftsgeschichtlicher Aspekt soll sich die Frage der "Globalisierung" wie ein roter Faden durch die Konferenz ziehen. Dieser fĂŒr die Beschreibung der modernen GesellschaftsrealitĂ€t angewandte, "populĂ€re" Begriff (vgl. auch Knut Borchardt) soll dahingehend hinterfragt werden, ob nicht Globalisierung ein sehr altes Prinzip interkultureller Entwicklung ist, das besonders in der Bronzezeit ausgeprĂ€gt war, als fast alle Teile der (damals bekannten) Welt, von Nordeuropa bis nach Zentralasien, in verschiedenen Formen des Kontaktes miteinander standen.

Der zweite ĂŒbergreifende Fragenkomplex betrifft die Formen der Kommunikation in den untersuchten Orten und Regionen Vorderasiens und des östlichen Mittelmeerraums sowie deren Einfluss auf die Kulturentwicklung derselben. Dass die Kulturen des 2. Jt. v. Chr. in intensive Kommunikation auf verschiedenen Ebenen (verbal: Politik, Diplomatie, Ökonomie, Technologie; visuell) betrieben, gilt in der heutigen Forschung als unstrittig. Aus den parallelen StrĂ€ngen einzelner Kommunikationsformen ist ein zusammengehöriges BĂŒndel von "kultureller Kommunikation" zu rekonstruieren, das an einzelnen Orten und Regionen unterschiedliche AusprĂ€gungen und Schwerpunktsetzungen erfahren haben kann.

Eng verbunden mit den Kommunikationsformen und in vielen FĂ€llen von diesen abhĂ€ngig, ist die Frage nach den vielfĂ€ltigen Arten direkter Kooperation. Welche Rolle spielten Objekte, Personen, Techniken oder schriftliche Aufzeichnungen als TrĂ€ger des interkulturellen Austausches, und durch welche Art der Kooperation wurde die Vermittlung von Wissen ermöglicht (Beobachtung und Nachahmung; Austausch von Handwerkern am Beispiel Ă€gĂ€isch inspirierter Wandmalereien in Qatna)? Die soziale Kooperation in Form von interdynastischen Heiraten, Geschenken, und PrestigegĂŒtertausch ist in diesem Zusammenhang ebenfalls zu behandeln.

Ein weiterer zu untersuchender Aspekt sind die AustauschgĂŒter und Austauschwege, von denen zwar die wichtigsten des 2. Jt. v. Chr. jeweils bereits gut bekannt sind (Beispiel: Schiffswrack von Uluburun), deren Spektrum bzw. Vielfalt sich aber durch die jĂŒngsten Funde in Qatna erheblich erweitert haben (Bernstein; Purpur-Stoff; Lapislazuli und -Imitationen; generelle Verschiebung der Handelswege von Osten nach Westen in Vorderasien). Die neuen Erkenntnisse zu wichtigen HandelsgĂŒtern und deren Verhandlungswegen in einen grĂ¶ĂŸeren ökonomischen und sozio-politischen Kontext zu stellen, ist eine wichtige Aufgabe der Konferenz.

ZusĂ€tzlich sollen die Erkenntnisse der interregionalen Beziehungen und Kontakte im zentralsyrischen Raum basierend auf den Qatna-Befunden des 2. Jt. diachronisch mit denen des voraufgehenden 3. Jt. (Frage nach der Entwicklung der Kulturen hinsichtlich Kultur, Stadtstruktur, Umwelt und Außenkontakte) und dem nachfolgenden 1. Jt. (Frage nach KontinuitĂ€ten/DiskontinuitĂ€ten) verglichen werden. Dadurch wird die Rolle des eigenstĂ€ndigen Kulturraums "Zentralsyrien" beleuchtet, der, bedingt durch seine geographische Position, in allen Perioden durch vielseitige interregionale Kontakte und Außenbeziehungen geprĂ€gt war.